Wikipedia: Potentiale für Experten-Laien-Kommunikation

Je mehr wir uns im Rahmen der Neuron Community mit kollektiver, partizipativer Wissenskonstruktion befassen, desto stärker rückt für mich die Wikipedia in den Blickpunkt.

Langfristig bin ich der Meinung, dass die Wikipedia auch für die Wissenschaft, zum Beispiel als Ort der Selbstpräsentation, immer attraktiver wird. Das zunehmende wissenschaftliche Engagement würde ich hauptsächlich damit erklären, dass Wissenschaftler und Professoren die Potentiale öffentlicher, vernetzter, partizipativer Wissenskonstruktion langsam erkennen und ausschöpfen wollen (Siehe dazu Christian Spannagels Philosophy of Teaching). Gleichzeitig kann durch die open source Philosophie ein weiterer Effekt angemerkt werden. Die Einmaligkeit der Wikipedia liegt darin, dass man durch die Offenheit des Systems auch anonym Wissen einbringen kann, ohne zuerst bürokratische Hürden überwunden oder sich in der Fachpresse als „Wissenschaftler“ etabliert haben zu müssen. Die oftmals zitierten Nachteile (mutwillige oder durch fehlende Qualifikation bedingte Verbreitung von Falschinformationen, Vandalismus, fehlende Quellen) werden nach Meinung des Verfassers durch die Vorteile aufgewogen: Wissen, das sonst nie an die Öffentlichkeit gekommen wäre (hidden knowledge), kann publiziert werden, der Prozess läuft schnell ab und das Ergebnis ist sofort global nutzbar, Information können demnach auch sofort global geprüft, verifiziert, falsifiziert werden. Dies zwingt Wissenschaftler zum Beispiel, ihre Ergebnisse auch vor Laien zu rechtfertigen, ihre eigene Position noch einmal zu reflektieren und vermittelt dem Gedankenaustausch völlig neue Qualitäten. Ein Extrembeispiel, das die eben aufgestellte These aber bestätigt, stellt der folgende, hier verkürzt und anonymisiert wiedergegebene Austausch zwischen einem Professor und einem 13-jährigen Schüler dar:

– Ist irgendwie zu hoch für mich, bedarf einer gründlichen Überarbeitung, ich verstehe nur Bahnhof!–18:00, 16. Feb.

– Kommt Ihnen die überarbeitete Fassung entgegen? –20:01, 17. Feb. 2007 (…)Gerade habe ich deine Selbstvorstellung gelesen: Schüler, 13 Jahre alt. Für dich ist dieser Artikel (leider) nicht geschrieben – obwohl ich mich freuen würde, wenn ich ihn so verständlich schreiben könnte, dass auch du ihn verstehst, und er dabei dennoch auch für Lehrer (und interessierte „Laien“) informativ wäre. Bleiben wir im Dialog? –20:04, 17. Feb.

– Ich sehe dass du dir sehr viel Mühe gegeben hast. Das ist ja erst die Rohfassung, vielleicht ändert sich in nächster Zeit ja noch etwas. Wikipedia ist ja für alle und es finden sich sicher noch welche, die mithelfen und vielleicht wird der Artikel dann auch so, dass ich ihn verstehe! 😉 –12:00, 18. Feb. (…)

– Ich habe den Artikel nochmals überarbeitet, vereinfacht, gekürzt. Ich habe dabei ziemlich stark an dich (…)gedacht und mich gefragt, was du jetzt verstehst und was nicht. Deine Skepsis war hilfreich für mich! Danke! (…)

Was verstehst du noch nicht? — 14:06, 19. Feb.

– Ähm, die Methodische Umsetzung und die Sieben Prinzipien! — 18:05, 19. Feb.

– „Sieben Prinzipien“ sind jetzt zu drei „methodischen Aspekten“ reduziert. (…) Was konkret ist an der „methodischen Umsetzung“ nicht verständlich? –13:21, 25. Feb.

– Ich hab es jetzt noch einmal durchgelesen und verstanden! –14:05, 25. Feb.

– Ich verbuche das als Kompliment und bin entsprechend stolz. Danke für deine Hartnäckigkeit.– 13:56, 28. Feb.

Der Professor ist durch die zunächst vielleicht vorschnell/zufällig geäußerte Kritik dazu veranslasst worden, seinen Passus über ein didaktisches Prinzip (Handlungsorientierung) kritisch zu reflektieren und ihn zu verbesseren. Ich sehe diese „Experten-Laien-Kommunikationskompetenz“ als ein großes Potential für die Problemlösefähigkeit in der Zukunft, sowohl für den fragenden Schüler als auch für den reagierenden Professor. Und Wikipedia kann dies leisten, wenn auch nur punktuell.


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16 Antworten

  1. Ich sehe die „Experten-Laien-Kommunikationskompetenz“ auch als wichtig an.
    Eine Sache sollte man nicht vergessen, dass nicht alles Wissen immer verständlich ausgedrückt werden kann. Ich denke gerade Geisteswissenschaften und Wirtschaftswissenschaften, werden es mit Wikis usw. einfacher haben als andere Wissenschaften. Bei diesen ist die Sprache in der arbeitet immer gleich. Der Zugang zu dem Wissen ist für Laien einfacher. Vielleicht kommt aus diesem Grund auch so viel Wiederstand aus der Ecke.
    Viele Mathematiker, Informatiker sind froh wenn jemand anderes ihre Probleme löst. Leider sind viele Dinge in der Mathematik, Biologie und Chemie nicht verständlich für den Laien oder auch für andere z.B. Mathematiker die nicht die selbe Vertiefung haben. Es ist halt so als würde man eine Wiki in einer anderen Sprache lesen.
    Aber hier sollten sich die Natur und Struckturwissenschaftler mühe geben, die Grundlagen verständlich und gut aufbereitet den Kindern / Laien zu verfügung zu stellen. Eine Fachgerechte aufbereitung von Wissen ist wichtig. Wie auch der Dialog in dem Beitrag zeigt. Schöne Grüße aus Mosworld

  2. Toller Dialog! Vielen Dank für diesen schönen Beitrag!

  3. @Mo und Christian
    Danke für die Kommentare! Ich stimme Mo zu: Machne Einträge aus dem Bereich Mathematik und Informatik lesen sich für mich wie Hieroglyphen. Ich bin davon überzeugt, das Wikipedia auf Dauer hier eine Abhilfe schaffen wird und sowohl für den Laien als auch vertieft für den Experten verwendet werden kann.

  4. Oft beziehen Geisteswissenschaftler ihre Autorität nur aus dem Umstand, dass sie Banales unverständlich (mithilfe einer überzüchteten Terminologie) ausdrücken. Insofern bewegen sich eine ganze Menge Hochstapler in den Geisteswissenschaften (im Augenblick beispielsweise ganz besonders im Bereich des „Interkulturellen“). Die Veröffentlichungen im Netz mit dem Zwang, auch Laien Rede und Antwort zu stehen, wird Abhilfe schaffen. Weil ich gerade dabei bin: die IPK-Projekte sollen durch ihre Konkretheit uns Geisteswissenschaftler zwingen, zur Praxis zu schreiten. Allmählich werde ich ein bisschen ungeduldig im NEURON-Kontext, das muss ich zugeben. Der IPK-Weg sorgt dafür, dass wir nicht zuviel Blabla produzieren.

  5. Ich denke, dass die konkreten Projekte anlaufen werden. Wolfgang Schreiber zum Beispiel ist sehr motiviert… Aber Sie haben recht, man muss aufpassen, dass man sich beim Theoretisieren nicht um sich selbst dreht 😉

  6. Ja, die Gefahr besteht im Hochschulkontext sehr! Und wie schon angemerkt: Geisteswissenschaftler werden für Nurtheoretisieren nicht bestraft (im Gegensatz zu einem Arzt oder einem Architekten). Daher ihre gesellschaftliche Irrelevanz. Sie werden bezahlt – allerdings gerechterweise schlecht – für das Produzieren von Sprechblasen Deswegen schwöre ich so auf IPK und dessen konkreten Bezug! Je mehr ich mich mit IPK befasse, desto begeisterter bin ich!

  7. Und ich erst! Die Konzeption ist wirklich genial. Am 14./15. muss ich das unbedingt auch forcieren.

  8. Ja, müssen Sie! Wenn Sie im IPK-Kontext eine „Verwendung“ für mich sehen, lasse ich mich gerne einsetzen. Gerade diese Mischung von (unabdingbarer) Theorie/Terminologie und umfangreicher, hoffentlich eines Tages auch weltweiter Realisierung von zahlreichen konkreten Projekten macht den IPK-Kurs so unschlagbar. Eine originelles, in unzähligen Projekten auf Praktizierbarkeit getestetes Paket an Theorie und Praxis, das gibt es selten.

  9. Toll wäre es nach dem Dialog von Michael und Jean-Pol hier den Link zu IPK zu plazieren, damit neugierige dahin gelotzt werden 🙂
    hier der Link zu Michaels Beitrag dazu : https://kratky.wordpress.com/2008/05/09/prasentation-der-ipk-projekte/

  10. @Mo
    Genau das ist Vernetzungskompetenz ;-)) Was für dich und für uns fast selbstverständlich erscheint, muss bei ganz vielen Leuten mühselig trainiert werden. Auch deshalb gibt es IPK ;-))

    http://www.projektkompetenz.de

  11. […] im Internet Einen interessanten Dialog finde ich in Michael Kratky’s Weblog. Er geht von der These aus, „dass die Wikipedia auch für die Wissenschaft, zum Beispiel als Ort […]

  12. Ein gutes Beispiel!
    Und ich bleibe da hartnäckig: bitte nicht rausreden mit “ (…) die eine Wissenschaft hätte es da einfacher (…)“.

    Wenn die Gelehrten so gelehrt sind, dann sollen sie sich mal etwas einfallen lassen, um komplizierte Zusammenhänge auf den Punkt zu bringen – und bitte so, dass alle daran partizipieren können.
    Welche Wissenschaften haben das bislang versucht?

    Ist doch schön so unter sich ;-))
    Man bleibt ein „Intellektueller“, etwas ganz Besonderes, Ansehen, Macht… Was würde wohl passieren, wenn jeder Bürger die Zusammenhänge an der Börse verstehen würde, oder die Genforschung, oder oder….

    Wollen wir das?
    Wissen ist Macht wurde schon vor 500 Jahren von Francis Bacon festgestellt….

  13. Oh ja! Bei Wikipedia haben wir zumindest theoretisch die Chance, eine Brücke zu bauen – ganz im Sinne der kollektiven Konstruktion von Wissen.

  14. @Alexander Ich sehe es immer noch so, dass es Dinge gibt die Komplex sind. Ich bin mir für einige Teile der Natur- und Strukturwissenschaften sicher, dass sie versuchen Wissen einfach zu präsentieren. Gerade diese wollen Nachwuchs und wollen Ängste abbauen in der Gesellschaft.
    Ich kenne Biologen die gerne über ihre Arbeit mit Genen oder Physiker über ihre Entwicklung mit Quanten, sprechen würden mit Freunden. Leider kann man das nur sehr oberflächlich. Die Themen sind Komplex.
    Wir sollte nicht so tun, als der Wissenschaftler einfach nur so tut als ob er den ganzen Tag was macht, aber in Wahrheit nur “Eier schaukelt”.
    Für mich gibt es Dinge die man ohne Talent, aber mit viel Arbeit irgendwie hinbekommen kann oder verstehen kann.
    Dann gibt es Dinge, die man egal wie man es versucht und dafür lernt, nicht möglich ist diese zu verstehen. Diese können nur wenige Menschen. Meistens haben diese halt ein Talent. Ich finde man sollte auch die entsprechende Achtung ihnen entgegen bringen. Meistens bringen diese auch viele Opfer in ihrem Privatleben um der Forschung zu dienen.
    Wikipedia ist eine tolle Sache, aber man kann leider die Welt nicht da komplett erklären. Man/Wir sollten eher versuchen die anderen Wissenschaftler motivieren mit zumachen, als nur auf sie zu schimpfen.
    Es braucht halt seine Zeit, Wissen ist auch nicht über Nacht in Bücher eingeflossen. Dinge sollten positiv angeschoben werden. Liebe Grüße aus mosworld

  15. @Jean-Pol: „…für das Produzieren von Sprechblasen.“ – ich hoffe, ich habe durch mein lautes Lachen nicht die Nachbarn erschreckt. 🙂

  16. Ich sehe das IPK- Projekt, als etwas Irrelevantes( die Schüler bezahlen das Projekt selbst), ist das normal heut zu tage?!
    Experten- Laien- Kommunikation ist wirklich wichtig!
    Jean-Pol Martin ist bestimmt ein Laie in der Geisteswissenschaften Branche, wenn er solche Meinung hat!

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