Das Kontroll-Motiv

Das Neuron!-Treffen in Ludwigsburg dieses Wochenende war sehr fruchtbar, vor allem vor dem Hintergrund der Rezeption des von Jean-Pol Martin aufgestellten anthropologischen Modells. Wenn man mit Menschen zusammenarbeitet, ist es für professionelles Handeln unerlässlich, sich mit seinem Gegenüber zu befassen, d.h. Bedürfnisse zu erkennen und darauf reagieren zu können. In diesem Beitrag möchte ich kurz auf die erste Säule einses operationalisierbaren Modells eingehen, das einem bei der Arbeit mit Schülern/Studenten/Kollegen behilflich sein kann.

Unter Berufung auf Dietrich Dörner betrachtet Jean-Pol Martin die Kontrolle als zentrale Determinante menschlichen Handelns. Kontrolle soll hier definiert werden als eine multidimensionale Lebensbewältigungskompetenz, die sich von der Selbsterhaltung als Kontrolle des eigenen Lebens bis zur kognitiven Durchdringung von Situationen, also dem Gefühl, „Handlungsfelder im Griff“ zu haben und auftretenden Schwierigkeiten zu meistern, erstreckt. Martin geht bei der Beschreibung der Kontrolle als zentrales Motiv menschlichen Handelns von der Prämisse aus, dass das menschliche Leben in seinem Voranschreiten ständig mit Situationsveränderungen, Defiziten und damit physischem und vor allem kognitivem Kontrollverlust verbunden ist. Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass die Schule in ihrem Erziehungsauftrag die Bildung und Erhöhung der (kognitiven) Kontrollkompetenz als elementar betrachten muss, damit sich beim Schüler Routine bei der Konfrontation unbekannter Situationen einstellt.

Diese Routine kann sich aber nur einstellen, wenn der Lerner sich in Situationen begibt, die unweigerlich mit einem Kontrollverlust einhergehen, und sich darin behauptet, die Kontrolle also wieder herstellt. Das Meistern derartiger Situationen ist mit der Internalisierung eines abstrakten, kognitiven Schemas verbunden. Je mehr Situationen problemlösend überwunden werden, desto breiter gestaltet sich die „kognitive Landkarte“. Die Bereitschaft, sich in Situationen zu begeben, die ein hohes Maß an Unbestimmtheiten enthalten, entspricht einer explorativen Haltung. Je mehr ein Mensch also exploriert, desto wahrscheinlicher und öfter gerät er in Situationen, die sich durch ein hohes Maß an Unbestimmtheit auszeichnen. Exploratives Verhalten stellt demnach die Voraussetzung für eine Erweiterung der kognitiven Landkarte dar:

Eine breite kognitive Landkarte sichert Kontrolle über mehr Bereiche, sie ermöglicht eine schnelle Verarbeitung neuer Eindrücke und schützt vor emotionalen Einbrüchen. Sie sichert, dass neue Situationen erfolgreich bewältigt werden. Das Gefühl der Kontrolle festigt sich, das Selbstbewusstsein wächst und dadurch die Bereitschaft, unbekannte Bereiche anzugehen, also sich erneut explorativ zu verhalten.*

Für den professionellen Lehrer ergibt sich daraus die Schlussfolgerung, den Lerner mit herausfordernden, anspruchsvollen, komplexen Problemstellungen zu konfrontieren und Strukturen bzw. Hilfestellungen zur Problemlösung und Komplexitätsreduktion anzubieten. Das Ziel soll eine schrittweise, routinemäßig aufgebaute Problemlösekompetenz sein.


* Martin, Jean-Pol (2002), „Weltverbesserungskompetenz als Lernziel?“ in: Pädagogisches Handeln, 6.Jahrgang, Heft 1, 2002. S. 71-76

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Wikipedia: Potentiale für Experten-Laien-Kommunikation

Je mehr wir uns im Rahmen der Neuron Community mit kollektiver, partizipativer Wissenskonstruktion befassen, desto stärker rückt für mich die Wikipedia in den Blickpunkt.

Langfristig bin ich der Meinung, dass die Wikipedia auch für die Wissenschaft, zum Beispiel als Ort der Selbstpräsentation, immer attraktiver wird. Das zunehmende wissenschaftliche Engagement würde ich hauptsächlich damit erklären, dass Wissenschaftler und Professoren die Potentiale öffentlicher, vernetzter, partizipativer Wissenskonstruktion langsam erkennen und ausschöpfen wollen (Siehe dazu Christian Spannagels Philosophy of Teaching). Gleichzeitig kann durch die open source Philosophie ein weiterer Effekt angemerkt werden. Die Einmaligkeit der Wikipedia liegt darin, dass man durch die Offenheit des Systems auch anonym Wissen einbringen kann, ohne zuerst bürokratische Hürden überwunden oder sich in der Fachpresse als „Wissenschaftler“ etabliert haben zu müssen. Die oftmals zitierten Nachteile (mutwillige oder durch fehlende Qualifikation bedingte Verbreitung von Falschinformationen, Vandalismus, fehlende Quellen) werden nach Meinung des Verfassers durch die Vorteile aufgewogen: Wissen, das sonst nie an die Öffentlichkeit gekommen wäre (hidden knowledge), kann publiziert werden, der Prozess läuft schnell ab und das Ergebnis ist sofort global nutzbar, Information können demnach auch sofort global geprüft, verifiziert, falsifiziert werden. Dies zwingt Wissenschaftler zum Beispiel, ihre Ergebnisse auch vor Laien zu rechtfertigen, ihre eigene Position noch einmal zu reflektieren und vermittelt dem Gedankenaustausch völlig neue Qualitäten. Ein Extrembeispiel, das die eben aufgestellte These aber bestätigt, stellt der folgende, hier verkürzt und anonymisiert wiedergegebene Austausch zwischen einem Professor und einem 13-jährigen Schüler dar:

– Ist irgendwie zu hoch für mich, bedarf einer gründlichen Überarbeitung, ich verstehe nur Bahnhof!–18:00, 16. Feb.

– Kommt Ihnen die überarbeitete Fassung entgegen? –20:01, 17. Feb. 2007 (…)Gerade habe ich deine Selbstvorstellung gelesen: Schüler, 13 Jahre alt. Für dich ist dieser Artikel (leider) nicht geschrieben – obwohl ich mich freuen würde, wenn ich ihn so verständlich schreiben könnte, dass auch du ihn verstehst, und er dabei dennoch auch für Lehrer (und interessierte „Laien“) informativ wäre. Bleiben wir im Dialog? –20:04, 17. Feb.

– Ich sehe dass du dir sehr viel Mühe gegeben hast. Das ist ja erst die Rohfassung, vielleicht ändert sich in nächster Zeit ja noch etwas. Wikipedia ist ja für alle und es finden sich sicher noch welche, die mithelfen und vielleicht wird der Artikel dann auch so, dass ich ihn verstehe! 😉 –12:00, 18. Feb. (…)

– Ich habe den Artikel nochmals überarbeitet, vereinfacht, gekürzt. Ich habe dabei ziemlich stark an dich (…)gedacht und mich gefragt, was du jetzt verstehst und was nicht. Deine Skepsis war hilfreich für mich! Danke! (…)

Was verstehst du noch nicht? — 14:06, 19. Feb.

– Ähm, die Methodische Umsetzung und die Sieben Prinzipien! — 18:05, 19. Feb.

– „Sieben Prinzipien“ sind jetzt zu drei „methodischen Aspekten“ reduziert. (…) Was konkret ist an der „methodischen Umsetzung“ nicht verständlich? –13:21, 25. Feb.

– Ich hab es jetzt noch einmal durchgelesen und verstanden! –14:05, 25. Feb.

– Ich verbuche das als Kompliment und bin entsprechend stolz. Danke für deine Hartnäckigkeit.– 13:56, 28. Feb.

Der Professor ist durch die zunächst vielleicht vorschnell/zufällig geäußerte Kritik dazu veranslasst worden, seinen Passus über ein didaktisches Prinzip (Handlungsorientierung) kritisch zu reflektieren und ihn zu verbesseren. Ich sehe diese „Experten-Laien-Kommunikationskompetenz“ als ein großes Potential für die Problemlösefähigkeit in der Zukunft, sowohl für den fragenden Schüler als auch für den reagierenden Professor. Und Wikipedia kann dies leisten, wenn auch nur punktuell.


What is IPC

Internet- and Project-Competence

“An international, interdisciplinary course in which students choose, prepare, carry out and present projects with the help of web 2.0 technologies.“

Agenda

Why we designed the IPC format:
We think that the basic objective of schools and universities is to prepare students for the knowledge society, i.e. to train their knowledge networking skills. Students should get used to search for information and to transform it into knowledge through individual and collaborative, participative techniques.
In this context, we would like to stress the perspectives offered by various web 2.0 tools such as weblogs, wikis, video conferences and discussion boards. Thanks to all these different tools, people (students) from different countries and cultures can take part in the collective construction of knowledge by carrying out international projects. This implies, of course, a high degree of communicative competence and – besides technological skills – social skills such as empathy.

Characteristics

The course „Internet- and Project-Competence“ has been designed to bring students to carry out real projects and to develop their communication-skills in order to enhance the flow of information between young people world wide. Within one semester, the students will

  • create an online community with international partners and search for information
  • carry out their projects (often combined with an excursion)
  • present the results of their projects on a website

Objectives

The main objective of IPC is to make students carry out projects collectively and to communicate with each other in order to produce knowledge. This meta-objective can be split up into the following items:

  • Capacity for teamwork
  • Capacity to resolve conflicts
  • Patience and perseverance
  • Planning skills
  • Communicative competence
  • Initiative
  • Web 2.0 literacy

Course outline

Phase 1

  • Choice of a topic/country and formation of an online community
  • Drafting a thesis, developing a research design (questionnaires, interviews)
  • Preparation of the excursion/investigation

Phase 2

  • Students carry out projects, prove/disprove the validity of their thesis,
  • upload of the results in a self-created website,
  • and present their website to the public.

Certificate

Having passed the module, students may obtain the “IPC Certificate“, which assesses students‘ internet- and project competences (such as capacity for teamwork, communicative competence etc.)

Präsentation der IPK-Projekte

Netzsensibilität und Kommunikationskompetenz sind definitif entscheidend – genau dies wurde mir auch gestern Nachmittag bei der Präsentation der IPK-Projekte deutlich. Die Studierenden hatten sich Wikiversity-Accounts angelegt, in Foren diskutiert, Kontakte u.a. in Bulgarien und Schweden aquiriert, gemeinsam ein Forschungsdesign entwickelt und eine Forschungsreise durchgeführt (zum Großteil aus eigener Tasche bezahlt). Die Themen waren:

  • Lernschwierigkeiten bei Grundschülern in DTL. und BULG: Jessica und Aleksandra
  • Familienverständnis von deutschen und bulgarischen Jugendlichen
  • Zukunftsvisionen von Mädchen und Jungen (deusch/schwedisch)
  • Umweltkompetenz von Grundschülern
  • Bewegungsmangel bei Grundschülern (jeweils deutsch/bulgarisch)

Sie haben nicht nur ihre Projekte sehr ansprechend präsantiert, sondern auch die Kursstruktur und die erworbenen Kompetenzen reflektiert. Obwohl es auch Rückschläge gab (unzuverlässige Kontakte), konnten alle durch Hartnäckigkeit und Netzsensibilität ihre Projekte erfolgreich durchführen. Ein riesiger Erfolg, der schon stolz macht.

DAZU BRANDNEU: 7 TIPPS VON JEAN-POL MARTIN

Die Websiten sind noch nicht alle online, hier aber dier Link zur Übersichtsseite:

http://de.wikiversity.org/wiki/Kurs:Internet-_und_Projektkompetenz/Kurse#Eichst.C3.A4tt:_Europastudien.2C_Soziologie

Geschwindikeit und Vernetzung: Neuron!

Wie rasant ein Projekt anlaufen kann, hat die Einrichtung der Neuron!-Communitiy bei mixxt gezeitgt. Hier muss man unbedingt vorbeischauen:

http://www.neuron.mixxt.de/

Im Zentrum steht dabei die Erstellung einer (metaphorischen) neuronalen Struktur als Set zur Bewältigung und Verarbeitung von Projekten in Form von kollektiver Wissenskonstruktion. Das einzelne NEURON (Individuum) bringt seine individuellen Erfahrungen und sein Wissen in die Gruppe durch Kommunikationskompetenz und Partizipationskompetenz ein. Individuelles Wissen wird somit für andere verfügbar und diese werden wiederum angeregt, ihr Wissen ebenso dem Gehirn (Gruppe) beizusteuern. Die Gruppe einigt sich daraufhin in einem gemeinsamen Diskurs auf grundlegende Begrifflichkeiten, Vorgehensweisen und Ziele (kollaborative Wissensgenerierung).
Kollektives Wissen entsteht in einem kollaborativen Prozess und Vernetzung. Der Anteil kollaborativer und kollektiver Merkmale setzt sich in jeder Wissenskonstruktion unterschiedlich zusammen. Ein Phänomen, das während dieses kollaborativen Prozesses der Erzeugung von Wissen auftritt kann, ist die Emergenz. (Textauszug aus neuron.mixxt.de)

Zur Aufarbeitung der vielen Inputs hier ein Blick in den Hippocampus


Unschärfen

In der paradigmatisch bedingten Unschärfe, die sich für mich gerade konkret durch wahnsinnig viele Kommunikations- und Partizipationsangebote darstellt, sehe ich eine große Herausforderung. Ich merke, dass ich mir noch einige Techniken (RSS- Feeds etc.) aneigen muss, um up to date zu bleiben.

Aus dem IPK-Glossar:

Unschärfe = Geschwindigkeit + Vernetzung + Nichtgreifbares

Folgendes ist entnommen aus: Davis,S./Meyer C. (1998): Das Prinzip Unschärfe: Managen in Echtzeit – neue Spielregeln, neue Märkte, neue Chancen in einer vernetzten Welt. Wiesbaden: Gabler, S.15

Geschwindigkeit: Jeder einzelne Aspekt der Wirtschaft und der vernetzten Organisation operiert oder verändert sich in Echtzeit.

Vernetzung: Alles wird über elektronische Netzwerke miteinander verbunden: Produkte, Menschen, Unternehmen, Länder, einfach alles.

Nichtgreifbare Werte: Jedes Angebot besitzt sowohl greifbaren als auch nichtgreifbaren wirtschaftlichen Wert. Der nichtgreifbare Wert wächst gegenwärtig und zukünftig schneller.

Unschärfe: Die neue Welt, in der Sie leben und arbeiten werden.“

Aufmerksamkeit als Währung der Zukunft

„Wenn ich mir die Blogstatistik ansehe und 500 Menschen meinen Beitrag gelesen haben, ist das für mich wie ein Kick – besser als irgendeine Droge.“ Diesen Satz habe ich letzes Wochende in Ilmenau aufgeschnappt. Aufmerksamkeit schafft aber nicht nur persönlich- emotionale Befriedigung, sondern potentiell auch ökonomischen Erfolg, sofern man gute Produkte im Angebot hat.

Der Begriff der Aufmerksamkeitsökonomie geht von der Prämisse aus, dass in der Wissensgesellschaft Aufmerksamkeit ein rares Gut sein wird, und die Fähigkeit, sich dieses Gut zu verschaffen, entscheidend für Erfolg oder Misserfolg sein wird. So gesehen könnte man Aufmerksamkeit also neben Wissen als „Ressource der Zukunft“ als eine Art „Währung der Zukunft“ verstehen. Es genügt nicht mehr allein das Verfügen eines guten, relevanten Produktes, auch wenn es sich um Wissen oder Ideen handelt. Das Produkt muss nach dem Motto „Geschwindigkeit und Vernetzung“ ansprechend präsentiert, Referenzen müssen gesetzt werden, sonst wird es entweder nicht beachtet oder ein anderer macht es sich schneller zunutze. Die Erstellung neuen Wissens und neuer Ideen kann nicht in Einsamkeit erfolgen sondern aufgrund der immer komplexer werdenden Welt nur in Gruppen. All dies spricht für eine stärkere Zusammenkunft von Menschen in Netzwerken und für einen gemeinsamen Wissensgenerierungsprozess, zum Beispiel mit Hilfe von Wikis.

Diese Aufmerksamkeit erlangt man aber weder automatisch, noch durch gezieltes eigens Zutun – wobei es natürlich schon Techniken gibt, die das Aufmerksamkeitspotential erhöhen (z. B. redundantes Vorgehen, Selbstreferentialität, Verursachen von Perturbation, Provokation etc.) Letztendlich handelt es sich aber um einen emergenten Prozess:

Von Emergenz (lat. emergere: auftauchen, hervorkommen, sich zeigen) wird dann gesprochen, wenn Makrogebilde Eigenschaften aufweisen, die nicht unmittelbar direkt auf die Mikroebene zurückführbar sind. Emergente Eigenschaften sind zwar durch Mikroprozesse determiniert, können aber aus diesen nicht vollständig erklärt werden, sondern kommen erst durch das Zusammenwirken der Subsysteme (die Systemelemente auf der Mikroebene) zustande. (Vgl. Heintz 2004; „Emergenz und Reduktion. Neue Perspektoven auf das Mikro-Makro-Problem.“ In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 56. S. 1-31) Bezogen auf die Lernergruppe, die zusammen Wissen konstruieren möchte, ergibt sich folgende Konsequenz. Die in einem metaphorischen neuronalen Netz interagierenden Lerner konstruieren gemeinsam durch das Umformen von Informationen Wissen. Durch die gegenseitige Wechselwirkung und die gruppenspezifischen Fähigkeiten (z.B. Bereitschaft und Fähigkeit, rasch zu interagieren) können Problemlösungen emergieren. Das Wissen, das im Rahmen von intensiven Interaktionen erzeugt wird, kann man als Emergenz bezeichnen.